„Deine Kinder gehen doch mal aufs Gymnasium?“ – Über solche und andere erquickende Bemerkungen

Wenn ich mich in meinem Umfeld so umhöre, könnte man glauben, dass es ein scheinbares Naturgesetz gibt, dass Kinder durch Elternentscheid hochbegabt sind und es nur eine Frage der Erziehung ist, welche Schulart und welche beruflichen Möglichkeiten den Kindern einmal offen stehen. „Dein Sohn geht doch mal aufs Gymnasium?!“

Derartige Aussagen (und Haltungen – oft braucht es ja keiner Worte) versetzen mich normalerweise in einen Schockzustand: Wenn ich dies zu Ende denke, dann habe ich also nicht nur in der Erziehung (nein, mein Kind kann nicht stillsitzen und braucht noch eine Windel), sondern auch noch in der Frühförderung der intellektuellen Entwicklung versagt (hätte ich nur intensiver irgendwelche stimulierende Tücher gewedelt und intelligentere Schlaflieder gesungen!). Es wäre ja so einfach gewesen! – Oder was soll das?

Die Implikationen sind katastrophal und gesellschaftlich höchst bedenklich. Natürlich wissen Leute, die so etwas fragen, nicht, dass mein Kind „behindert“ ist. Aber darum geht es nicht. Es ist die Grundhaltung, die Wertigkeit und die Selbstverständlichkeit dahinter: Man muss scheinbar nur als Eltern wollen (und für die Kinder entscheiden) und schwups sitzt das Kind im Aufsichtsrat eines großen Unternehmens. Und oft läuft es ja auch so.

Das Problem ist die damit verbundene Wertigkeit bzw. scheinbare Wert-los-igkeit anderer Arbeits-, Lebensformen und Fähigkeiten und natürlich auch die Erwartung an die Eltern und deren scheinbare Allmacht.

Es ist vollkommen an der Vielfalt von Menschen, Begabungen, Neigungen und Interessen vorbei und natürlich extrem einseitig. Würde ich erwähnen, dass mein Kind „anders“ ist, würden sich wohl die Meisten schnell solidarisch und mitfühlend zeigen – und uns einfach als „jenseits aller Normen und Erwartungen“ behandeln und dadurch letztlich die eigenen Wertigkeiten festschreiben, nur ergänzt um den Aspekt „Mitleid“. Darauf kann ich dann eigentlich auch verzichten.

 

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